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Titel: Roboterland
Autorin: Jenny Kleeman
Verlag: Goldmann
Erschienen: 10. Mai 2021
Seitenanzahl: 416
Bewertung: 🌕🌕🌕🌑🌑

Danke an Random House Bloggerportal und Goldmann Verlag fĂŒr die freundliche Bereitstellung dieses Rezensionsexemplars. Der Buchumschlag macht schon auf den ersten Blick einen starken Eindruck, mit dem originellen Design einer neon-orangen Schablonne mit Menschen-, Tieren-, Sargen- und Laptop-StĂŒcken, die die im Titel erwĂ€hnten Theme darstellen. Daher war ich sehr neugierig zu lesen, was die britische Journalistin und Dokumentarfilmerin Jenny Kleeman ĂŒber diesen Themen ans Licht gebracht hat.

Klappentext

Willkommen in Roboterland? In ihrem eindrucksvollen DebĂŒt nimmt uns die britische Journalistin und Dokumentarfilmerin Jenny Kleeman mit auf eine faszinierende Reise in die Welt von morgen – die schon heute entsteht. Die technische Entwicklung wird bald alle Bereiche unseres Lebens komplett verĂ€ndern: wie wir geboren werden, essen, Sex haben und sterben. Kleeman trifft die Entwickler von Sexrobotern, von Organen und Fleisch aus dem 3D-Drucker und von kĂŒnstlichen GebĂ€rmĂŒttern. Hautnah beobachtet sie, wie High-Tech-Erfindungen unseren Alltag erobern. Was macht diese radikale VerĂ€nderung mit uns? Werden wir in Roboterland noch menschlich sein? Eine hochspannende Live-Reportage aus den Labors unserer Zukunft, in denen die Grenzen des uns Bekannten radikal verschoben werden.

Meinung

Teil I: Wie wir lieben werden betrifft technologische Entwicklung im Bereich Sex-Tech, nĂ€mlich Sexroboter. Ich finde dieses Thema sehr spannend hinsichtlich ihrer ethischen und gesselschaftlichen Dimension. Diese Fragen und sogar das inbegriffene Datenschutz Problem wurden Entwicklern, VerkĂ€ufern und Anwendern von Sexrobotern gestellt. Ihre Argumente und Ideen fĂŒr Anwendungsgebiete von Sexrobotern wurden leider missachtet oder in der falschen Richtung ĂŒbertrieben von Kleeman, die sich von Anfang an gegen Sexrobotern positioniert und ihre Befragten offensichtlich als Spinner betrachtet. Ihre Auffassung ist, dass Sexroboter Frauen (und Kinder) zu Objekten reduzieren und gewaltsames Verhalten gegen sie rechtfertigen bzw. billigen. Auf andere Argumente reagiert sie engstirnig, entsetzt oder naiv (z.B. sie findet es abstoßend, Robotergenitalien nach Anwendung in einem DesinfektionsgerĂ€t zu legen, oder sie betrachtet Sexroboter als Sklaven). Den Wert der technischen Ausstattung, des detaillierten Designs und eindrucksvollen Arbeit, die in diesen Robotern steckt, erkennt sie nicht mal (an).

Teil II: Wie wir essen werden behandelt die Produktion von Clean Meat, d.h. pflanzliches Fleisch, als Alternative zum gesundheits- und umweltschĂ€dlichen Tierfleisch. Dieser Teil war fĂŒr mich persönlich interessanter, denn ich ernĂ€hre mich seit 2012 vegetarisch bzw. 2014 vegan und bin neugierig, wie eine “vegane Zukunft” aussehen kann. DafĂŒr interviewt Kleeman (ĂŒberzeugte Fleischesserin) Produzenten von Clean Meat und erhĂ€lt eine Kostprobe davon. Obwohl sie nicht grundlegend davon ĂŒberzeugt ist, betrachtet sie diese Industrie ein bisschen objektiver, erkennt die Probleme der Fleischindustrie und das BedĂŒrfnis fĂŒr eine Alternative.

Teil III: Wie wir uns fortpflanzen werden erkundet die Zukunft der Ektogenese, d.h. die Zeugung und Reifung eines SĂ€ugetierembryos in einem kĂŒnstlichen Uterus. Die Auswirkungen dieses Verfahrens werden aus den Perspektiven von WissenschaftlerInnen, LeihmĂŒttern, DrogensĂŒchtigen, homosexuellen Paaren, Transsexuellen und Frauenhassern betrachtet. Ich fand die Informationen und Berichte in diesem Teil schockierend und höchst heikel, weil dadurch die Rechte und Rolle von Frauen, sowie die gesellschaftliche Struktur wesentlich verĂ€ndert werden. Hierbei hĂ€tte ich es besser gefunden, auch der finanzielle Aspekt zu besprechen, nĂ€mlich dass die wohlhabende Personen bzw. LĂ€nder zuerst Zugang zur Ektogenese (wie zu LeihmĂŒtter) haben und welche Folgen diese Ungleichheit hat.

Teil IV: Wie wir sterben werden hat wieder ein Bezug zu meiner persönlicher Erfahrung. Ich habe fĂŒr einigen Monaten als Datenanalystin in einem digitalen Bestattungsunternehmen, der darauf spezialisiert, Bestattungen fĂŒr Angehörige oder sich selbst (als Vorsorge) online zu planen. In dieser Rolle bzw. Branche habe ich viel ĂŒber das GeschĂ€ft mit dem Tod gelernt und dachte ich hatte schon eine Ahnung, worum es in diesem Teil geht. Kleeman berichtet hier aber ĂŒber ein besonders Tabu-Gebiet: das GeschĂ€ft mit dem Suizid. Die angesprochenen Vereine und Designer, die den Menschen die Möglichkeit eines friedlichen (wenn auch teures) Selbstmordes mithilfe von futuristischen Maschinen versprechen, bringen die Debatte ĂŒber die Sterbehilfe auf ganz neuem Niveau.

Im Allgemeinen fand ich Kleemans Berichterstattung unprofessionell: sie bringt mehr Vorurteile als Neugier, stellt mehr TrugschlĂŒsse als kritische Fragen und herabschaut auf ihre Interviewpartner. Es ist daher nicht ĂŒberraschend, dass viele der Befragten ihre Fragen ungeduldig, oberflĂ€chlich oder gar nicht mehr beantworten. Schade, denn die angesprochenen Themen sind sehr spannend und wichtig fĂŒr eine öffentliche Diskussion.

Empfehlung

Wenn du ĂŒber technologische Entwicklungen im GeschĂ€ft mit dem Sex, Fleisch, Schwangerschaft und Tod aus einer ethischen, rechtlichen und gesellschaftlichen Perspektive erfahren willst, nicht leicht beeinflussbar bist und kritisch denken kannst, dan empfehle ich dir Roboterland zu lesen.

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